Weißtanne: Riesin und Mimose

Die Weißtanne gehört zu den seltensten heimischen Baumarten: Zur Weißtanne [Abies alba] gibt es viel Interessantes zu berichten und botanisch richtig zu stellen – und sie bedarf dringend unserer stärkeren Beachtung und Förderung. Sie wird im Volksmund auch achtungsvoll Edeltanne genannt. – Im Jahr 2004 wurde die Weißtanne zum Baum des Jahres gewählt.

Die einmalige Architektur lässt keinen Zweifel, wer in der Krone das Sagen hat: Der senkrechte Wipfeltrieb sorgt von Jugend dafür, dass alle Seitenäste herabgedrückt bleiben.

Das ändert sich nur, wenn der Wipfeltrieb beschädigt wird zum Beispiel durch Frost oder Wildverbiss: dann richten sich die obersten Seitenzweige auf und wetteifern einige Jahre um die Vorherrschaft.

Eine Besonderheit der Weißtanne in höherem Alter ist, dass sich in der Oberkrone ein sogenanntes Storchennest entwickelt.

Dann geht die Vorherrschaft des Wipfeltriebes verloren, und die Seitenäste bilden eine große nestartige, abgeflachte Kronenspitze, die schließlich mehr in die Breite als in die Höhe wächst.

Weißtannen erreichen ein Höchstalter von 500 bis 600 Jahren.

Weißtanne: Riesin und Mimose

Der Name Weißtanne geht übrigens auf die relativ helle, weißgraue Rinde zurück, die zunächst glatt ist, im Alter schuppig wird und zahlreiche Harzblasen aufweist.

Der Stammdurchmesser kann 2, selten sogar 3 Meter erreichen. Die gewaltigste Weißtanne, von der jemals glaubhaft berichtet wurde, soll 3,8 Meter dick gewesen sein.

Diese Zeiten sind aber vorbei. Die wohl stärksten, noch lebenden Tannen Deutschlands dürften im Schwarzwald stehen, mit fast 2 Meter Durchmesser über den Wurzelanläufen und einer Holzmasse von mehr als 40 Kubikmetern.

Weißtannen werden als höchste Bäume Europas bis zu 65 Meter hoch, was dazu führt, dass sie im Wald eine zweite Baumschicht über Buchen und Fichten bilden können.

Diese zweischichtige Bestandesstruktur erinnert an tropische Regenwälder und kommt ohne die Tanne bei uns nirgends vor.

Weißtanne: besondere Nadeln

Die Nadeln der Weißtanne sind etwa 1 bis 4 Zentimeter lang, weich und an der Spitze stumpf. Sie stehen bei den Tannen auf kleinen Füßchen und sind wie mit Saugnäpfen am Zweig befestigt.

Dabei hebt sich in der Regel die frischgrüne Nadel deutlich vom bräunlichen Trieb ab. Wenn man eine Tannennadel vom Trieb abreißt, bleibt eine glatte runde Narbe zurück, dort wo der Saugnapf am Spross saß.

Bei einer Fichte dagegen bleibt noch ein Rest der Nadelbasis mit am Zweig zurück, so dass der entnadelte Spross rau wie eine Feile ist.

Die Nadeln der Weißtanne sind zudem an Seitenzweigen auffällig gescheitelt, das heißt sie stehen rechts und links vom Trieb ab, als wären sie zweizeilig angeordnet.

Was sie aber nicht sind, sondern sie sitzen tatsächlich spiralförmig auf kleinen Füsschen am Spross. Das sieht man ganz deutlich am aufrechten Wipfeltrieb.

Dabei sind die oberen Nadeln viel kürzer als die unteren, auf diese Weise finden wir kurze und lange Nadeln gleichzeitig am Spross.

Dieses Phänomen wie auch die Scheitelung ist an beschatteten Zweigen besonders eindrucksvoll ausgeprägt. Die Nadeln der Weißtanne duften ganz wunderbar, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt.

Am Duft können Geübte sogar viele der Tannenarten unterscheiden, die Nadeln der Weißtanne riechen jedenfalls nach Terpentinbalsam. Und angenehm fühlen sie sich an!

Weißtanne: von Blüten und Zapfen

Weißtannen blühen erst spät in ihrem Leben, nämlich mit etwa 50 Jahren. Und eine stärkere Blüte tritt nur alle 3 bis 5 Jahre auf.

Die hängenden männlichen Blüten, es handelt sich um Einzelblüten und die aufrecht stehenden weiblichen Zapfenblütenstände sind voneinander getrennt in der Krone verteilt.

Letztere reifen im Herbst zu Tannenzapfen heran. Bei den bis zu 16 Zentimeter großen reifen Tannenzapfen am Baum ist zunächst bemerkenswert, dass sie nicht wie bei fast allen anderen Nadelbäumen hängen, sondern wie Kerzen auf den Zweigen stehen.

Das kann richtig schick aussehen, so als ob die Natur selbst die Weihnachtsbaumkerzen erfunden hätte.

Und bei der Reife, dann, wenn der Wassergehalt der Zapfen 40 Prozent unterschreitet, fallen die Samen, zu zweit mit ihren Schuppen im Herbst und Winter nach und nach von der Zapfenspitze.

Beginnend aus der Krone herunter, oder richtiger sie segeln, denn sie haben einen Flügel, der sie zu Schraubdrehfliegern macht.

Schließlich stehen nur noch die Spindeln der Zapfen auf den Ästen und mancher Naturfreund hat sich schon gefragt, was das denn für Spieße auf den Tannenzweigen sind.

Auf den Weihnachtstellern oder auf dem Waldboden können daher gar keine Tannenzapfen liegen, denn sonst hätte jemand in die Spitze der Tannenkronen klettern und die Zapfen herunterholen müssen.

Weil Tannenzapfen nicht als Ganzes vom Baum fallen, im Gegensatz zu Fichten- und Kiefernzapfen.

Weißtanne: immergrüner Nadelbaum

Die Nadeln der Weißtanne werden ungefähr 10 Jahre alt, im Hochgebirge auch bis 14 Jahre. Das ist unter den heimischen Nadelbaumarten Rekord.

Immergrüne Nadelbäume können übrigens in warmen Perioden auch im zeitigen Frühjahr und im Herbst Photosynthese betreiben, wenn Laubbäume keine Blätter tragen.

Das ist ihr Konkurrenzvorteil in kühleren Regionen. Von den heimischen Nadelbaumarten sind die Nadeln der Weißtanne am besten zersetzlich, was positiv für die Stoffkreisläufe ist.

Allerdings machen die günstigen Inhaltsstoffe die Nadeln auch beim Wild besonders beliebt, leider mit der Folge, dass die Weißtanne stark verbissen wird.

Die Weißtanne verjüngt sich im Mischwald von Natur aus besser unter alten Buchen und Fichten, die Fichte hingegen besser unter alten Tannen. Dadurch kommt in einzelnen Bestandesteilen von Generation zu Generation ein auffälliger Baumartenwechsel zustande.

Weißtanne und Schattenschlaf

In der Jugend ist die Weißtanne sehr tolerant gegenüber stärkerer Beschattung. Sie wächst dann sehr langsam, der Wipfeltrieb fast überhaupt nicht mehr.

So kann sie ähnlich der Buche in Wartestellung, in Hoffnung auf mehr Licht verharren und einen bis zu 150jährigen Schattenschlaf halten.

Die dann entwickelten Schattennadeln sind an die geringe Helligkeit besonders gut angepasst. Wenn schließlich einer der alten Nachbarbäume fällt, oder gefällt wird, erwacht der Nachwuchs aus diesem Schlaf und wird vom Licht wachgeküsst.

Allerdings verträgt die Tanne keine plötzliche Freistellung, denn es müssen erst neue Lichtnadeln gebildet werden, die Schattennadeln verbrennen sonst regelrecht in der plötzlichen prallen Sonne.

Da die Weißtanne empfindlich gegenüber Spätfrösten im Frühjahr ist, wartet sie mit dem Austreiben des Wipfeltriebes manchmal bis Ende Mai.

Weißtanne im Bergmischwald

Die Weißtanne kommt von Natur aus überwiegend in Mischbeständen der Mittelgebirge mit Buche und oder Fichte vor, seltener auch in Reinbeständen.

Man bezeichnet sie daher auch als die tragende Säule der Bergmischwälder. Dabei spielen die Bodenverhältnisse nicht die entscheidende Rolle, aber das Klima darf nicht zu warm, nicht zu kalt und vor allem nicht zu trocken sein.

Besonders günstig sind luftfeuchte Lagen und sogenannten ozeanisches Klima mit mindestens 600 Millimeter Niederschlag im Jahr.

Immerhin kann sie in den Alpen auch bis auf 2000 Meter steigen, und in Südpolen ist sie andererseits auch eine Baumart des Flachlandes.

Die frostfreie Periode muss mindestens 3 Monate lang sein. Im Übrigen meidet die Tanne nicht nur klimatisch, sondern auch hinsichtlich der Bodenverhältnisse die Extreme.

Ihr Verbreitungsgebiet ist auf das südliche Mitteleuropa und Südosteuropa beschränkt. In Deutschland verläuft die Nordgrenze des natürlichen Vorkommens vom Schwarzwald über Thüringen und das Erzgebirge in die Niederlausitz.

Trotzdem wächst sie auch außerhalb dieses Areals bei Vorliegen günstiger Bedingungen gut und problemlos, zum Beispiel auch in Nordwestdeutschland, in Schleswig-Holstein und in Dänemark.

Weißtanne und Tannensterben

Das waren noch Zeiten in Deutschland, als man in den Tann gehen konnte! Leider ist die Weißtanne inzwischen die Baumart mit dem stärksten Rückgang ihrer Vorkommen in den letzten 200 Jahren: 90 Prozent der ursprünglichen Fläche sind verloren gegangen.

So steht sie in 4 Bundesländern auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen. Nennenswerte, wenn auch im Vergleich zu früher kümmerliche Reste der damaligen Pracht von Tannenmischwäldern wachsen heute nur noch im Schwarzwald, in den Vogesen und im Bayerischen Wald.

Aber auch hier gibt es Probleme mit der Naturverjüngung. Mit 2 Prozent Anteil an der Waldfläche ist die Tanne mittlerweile eine seltenste Baumarten geworden.

Sie ist zu tragischer Berühmtheit durch das Tannensterben gelangt, das dem Neuartigen Waldsterben vorausgeeilt ist.

Sie ist empfindlicher gegenüber Klimaschwankungen und Luftverunreinigungen als jede andere Baumart. Sie konnte sich nach den Eiszeiten nicht überallhin natürlich ausbreiten. Sie erfordert in der Forstwirtschaft höchstes waldbauliches Können.

So ist sie zu ihrem Ruf der Mimose unter den Waldbaumarten gekommen. Mimosen brauchen Pflege! Es wurde viel diskutiert, wodurch diese gegenüber anderen Baumarten deutlich erhöhte Empfindlichkeit zustande kommt.

Verwendbarkeit und Imprägnierung

Das Holz der Weißtanne ähnelt dem der Fichte und wird meist ohne Unterscheidung mit diesem verkauft. Es ist aber heller, ohne auffällige Farbunterschiede und vor allem harzfrei, was die Verwendbarkeit und Imprägnierbarkeit verbessert.

Erst verschwand die Weißtanne aus den Wäldern, und dann wurde sie am Holzmarkt mit der Fichte vermengt, wodurch ihre günstigen Eigenschaften unbeachtet bleiben.

Die Jahrringe sind sehr gut zu erkennen und das Holz riecht angenehm. Im Freien erhöht Schutz die Dauerhaftigkeit, so hat man unter Luftabschluss gelagertes 3.000 Jahre altes Tannenholz aus der Bronzezeit gefunden.

Es lässt sich gut bearbeiten, imprägnieren, verleimen und spalten. Die Verwendung ist ähnlich dem der Fichte als Bau- und Konstruktionsholz:

  • tragendes Gebälk für Türme, Bauernhöfe und andere Gebäude,
  • für Innenausbauten, Dielenböden und Möbel,
  • als Resonanzholz von Musikinstrumenten,
  • für Dachschindeln, zur Zellstoff- und Spanplattenherstellung und
  • neuerdings für Hightechprodukte wie Thermoholz oder Superlamellen.

Der Turm des Freiburger Münsters trägt im Inneren tausendjähriges Tannengebälk, und Teile Amsterdams sollen auf Tannenpfählen stehen.

Holländertanne

Weltweites Aufsehen erregte im Jahr 2000 die Atlantiküberquerung des Abenteurers und Menschenrechtlers Rüdiger Nehberg auf einem 17 Meter langen, 350 Jahre alten Weißtannenstamm, den er mit Segeln und Auslegern bestückt hatte.

So segelte er mit diesem Einbaum entgegen aller besseren Ratschläge erfolgreich die 2.000 Seemeilen von Mauretanien nach Brasilien, um auf die Situation der dortigen Indianer aufmerksam zu machen.

Das berühmt gewordene Dach der Expo Weltausstellung in Hannover wurde aus 70 starken Weißtannen hergestellt.

Das Flößen von besonders starkem, langem Tannenholz aus Südwestdeutschland auf dem Rhein nach Holland hatte Jahrhunderte lange Tradition, was zum Namen der sogenannten Holländertannen führte und in das Märchen Das kalte Herz von W. Hauff eingegangen ist.

Weihnachtsbaum

Und der Tannenbaum wird auch meist als Tanne bezeichnet, obwohl er das nur in den seltensten Fällen wirklich ist. Da ist also beim nächsten Weihnachtsfest mal einiges richtig zu stellen, es ist ja an den Weihnachtstagen immer noch ein bisschen Zeit übrig.

Oder man gibt etwas mehr Geld aus und gönnen sich eine echte Tanne, das ist dann allerdings meistens eine Pazifische Edeltanne aus Nordamerika oder eine Nordmannstanne aus dem Kaukasus.

Die werden nämlich in riesigen Plantagen eigens für diesen Zweck angebaut. Der Vorteil der Tanne gegenüber einer Fichte als Weihnachtsbaum ist übrigens, dass sie kaum nadelt.

Kenner neuester botanischer Erkenntnisse besprühen außerdem die Nadeln täglich mit Wasser und verlängern so das Leben des Weihnachtsbaumes entscheidend.

Denn sie wissen, dass Tannen und Fichten Wasser auch über die Nadeln aufnehmen können, zum Beispiel bei Nebel und aus Tau, was ihnen am Naturstandort in Trockenperioden maßgeblich gegen den Trockenstress hilft.

Honig und Tannenbier

Weißtannenhonig ist eine ganz besondere Rarität, da die Tanne nicht regelmäßig honigt. Der Honig duftet intensiv aromatisch nach Tannennadeln, er kristallisiert sehr langsam und ist fast schwarz.

Die Bezeichnung Tannenhonig darf in Deutschland übrigens nur für Honig von der Weißtanne verwendet werden, in anderen europäischen Ländern kann er auch von Fichten stammen.

Die Inhaltsstoffe der Nadeln werden gerne als Zusatz für Kräuterbäder verwendet.

Besonders in Rinde, Nadeln und Zapfenschuppen, nach Verletzen auch im Holz enthält die Tanne Balsam, das ist eine Mischung aus Harz und Öl, der früher durch Anritzen der Stämme gewonnen wurde.

Das Tannenharz, auch als Elsässer Terpentin im Handel, duftet intensiv nach Zitrone und war in vielen Salben und Pflastern enthalten, da es seit dem Altertum für seine entzündungshemmende Wirkung bekannt ist.

Schon der Duft einer lebenden Tanne kann stärkend wirken. Weshalb bereits Pfarrer Kneipp empfahl, sich ein solches Bäumchen ins Zimmer zu stellen.

Und Asthmatiker sollten sich nachts Tannenzweige mit ans Bett nehmen. Tannenbier spielte im frühen Mittelalter eine Rolle, indem man sich daran berauschte.

Brauch des Weihnachtsbaumes

Wenn man bedenkt, dass jährlich allein in Deutschland fast 30 Millionen Tannenbäume zur Weihnachtszeit aufgestellt werden, wenn auch längst nicht alles wirklich Tannenbäume sind, dann lohnt es, dass man sich mit diesem Brauch noch etwas genauer beschäftigen.

Er geht nachgewiesen bis ins 16.Jahrhundert zurück, als man in verschiedenen Regionen am Oberrhein damit begann, die Wohnungen gegen Jahresende mit Bäumen zu verzieren.

1539 stand im Strasburger Münster der erste urkundlich erwähnte Weihnachtsbaum. Zunächst ohne jeden Schmuck, wurden die Bäume schon bald mit Äpfeln und anderem Obst behängt, schließlich im 7. Jahrhundert auch mit süßen Leckereien und Zierrat.

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts trat der Weihnachtsbaum dann seinen Siegeszug durch ganz Deutschland an, von wo sich der Brauch schließlich schnell auf die meisten Kulturländer der Erde ausdehnte.

Anfangs war die Weißtanne tatsächlich der beliebteste Weihnachtsbaum. Sie war zu der Zeit im Schwarzwald reichlich vorhanden, ist im Winter grün und hat einen architektonischen Aufbau wie eine natürliche Pyramide.

Später wurde sie dann zunehmend durch die in ganz Deutschland vermehrt angepflanzte Fichte ersetzt, während die Tanne in den Wäldern immer seltener wurde.

Weißtanne: Symbol ewiger Lebenskraft

Schon bei den alten Germanen hatte die Tanne wegen ihrer immergrünen Zweige Kultbedeutung als Symbol ewiger Lebenskraft, fortwährenden Wachstums und unerschöpflicher Fruchtbarkeit.

Um die Wintersonnenwende wurden daher Tannenzweige auf öffentliche Plätze und vor die Häuser gelegt.

Der schwäbische Bauernspruch: „Viel Mockle [Zapfen] uff de Tanne, viel Rogge in de Wanne!“ soll darauf hinweisen, dass man aus der Häufigkeit der Tannenzapfen auf die Ernte des kommenden Jahres schließen kann.

Der dunkle Tann ist der Ort des Geschehens vieler Märchen und Sagen. Übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen bedeutet tan soviel wie Wald oder Forst. [FBdJ, J. Brew Foto]

 

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